Drei Monate der ersten Yogalehrerausbildung sind mittlerweile rum. Ich sage bewusst erste Ausbildung, da mir schnell klar war, dass Yoga ein Fass ohne Boden ist und auch der begabteste, belesendste, gütigste und weiseste Lehrer niemals aufhört, Schüler zu sein. Tja, und von überaus begabt, belesen oder erleuchtet bin ich noch meilenweit entfernt …

Und dann die ganze „hippe“ Yogaszene, in der sich genaugenommen auch vieles um das „höher, schneller, weiter, chicer, besser“ dreht. Hm?

Zwischendurch, ich gebe es zu, hat sich mein Ehrgeiz zu Wort gemeldet und ich habe praktiziert, was das Zeug hält. Mindestens einmal pro Tag. Schließlich wollte ich auch neben den überwiegend jungen Yogalehrerinnen-Azubinis eine gute und durchtrainierte Figur machen. Und das etliche Yogis im Studio viel „weiter“ waren als ich, war mir auch ein Dorn im Auge.

Zweifel kam auf: Kann ich eine gute Yogalehrerin sein, auch wenn ich nur eine wackelige, recht alt und gebrechlich aussehende Krähe hinbekomme und den Kopfstand aus Sicherheitsgründen lieber in der Nähe einer Wand praktiziere? Immerhin – ich schaffe es tatsächlich einige Atemzüge auf dem Kopf, ohne die Wand zu berühren. Der Kopfstand ist mittlerweile – neben dem Baum und dem seitlichen Brett – meine Lieblingsasana, da er mich sehr beruhigt und mir einen anderen Blick auf die Welt erlaubt. Dazu an anderer Stelle bald mehr.

Was die Asanas anbelangt, so bin ich also mäßig aber immerhin fortgeschritten. Die Kurse werde ja immer gerne als Kurse für Anfänger, Fortgeschrittene und weit Fortgeschrittene bezeichnet. Das hat irgendwie einen komischen Beigeschmack. Wer geht schon gerne in einen Anfängerkurs? Besonders junge und sportliche Menschen besuchen die Kurse nur kurz und sobald sie wissen, wie die Asanas benannt werden und wie sie in etwa auszusehen haben, geht´s dann in die Levelkurse, die es – je nach Lehrer – schon richtig in sich haben. Zeit für eine korrekte Ausrichtung bleibt hier selbst für „Fortgeschrittene“ nicht.

 

Ist das Yoga?

Und hier sind wir beim zweiten Satz von Pantanjali, indem er treffend auf den Punkt, was Yoga eigentlich ist: „Yoga ist ein zur Ruhe kommen der dauernd sich verändernden mentalen Muster“ (Ralph Skuban: Pantanjalis Yogasutra. Der Königsweg zu einem weisen Leben. 1.2.). Und das funktioniert definitiv nicht, wenn ich ständig nach links und rechts schaue, mich mit anderen vergleiche und mich fleißig bewerte. Stattdessen heißt es für mich, nach innen zu schauen und zu fühlen. Was tut gut, was weniger. Achtsam sein und immer mehr im Hier und Jetzt ankommen. Eben einfach leben …

Yoga ist immer und überall – nicht nur auf der Matte. Die Zeit, die ich mir da nehme, hilft mir bestenfalls, Yoga auch für den Alltag einzupacken und möglichst oft hervorzukramen. Egal ob im Stau, an der Supermarktkasse, im vollen Bus, beim der Arbeit oder beim Sport – beim Umgang mit anderen Lebewesen und der Umwelt. Yoga ist so vielfältig und holt jeden da ab, wo er gerade steht und zwar ohne zu werten.

Meine Oma sagt neulich, dass dieses Yoga nichts mehr für sie ist. Das ist Quatsch! Klar, sie wird sich mit ihren 90 Jahren nicht mehr auf den Kopf stellen, genaugenommen praktiziert sie aber schon Yoga. Wenn sie immer sagt, sie sei zufrieden mit dem, wie es ist, dann ist sie genauer betrachtet sehr gut unterwegs! Sie hat wirklich einiges durchmachen müssen und ist an den teilweise harten Schicksalsschläge nicht zerbrochen. Gleichmut. Zufriedenheit. Kraft. Zuversicht – das alles und noch viel mehr. Wenn das nicht Yoga ist! Da braucht man nicht zwingend irgendwelche Asanas für …

Ja. Das alles ist Yoga. Schön, oder ?!

 

Meinen Ehrgeiz habe ich jetzt erst einmal wieder eingepackt und versuche stattdessen, auf mich und meinen Körper zu hören. Statt der Powerkurse, in denen es schnell zur Sache geht, bleibe ich bei den „ruhigen“ Stunden, schaue genauer auf die richtige Ausrichtung und versuche, die Bewegungen mit dem Atem in Einklang zu bringen.

Für mich ist es definitiv eine größere Herausforderung, nicht mit dem „höher, schneller, weiter“ wettzueifern, sondern Ruhe in meinen Geist zu bringen und mich von innen zu erforschen. Nicht die Beste sein zu wollen und nicht zu werten, wenn es mal nicht so klappt.

Weiter geht’s. Just Yoga. Now.

Namaste!

 

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