Grenzen überschreiten – Mit dem eigenen Hundeschlitten durch die unendliche Weite der einsamen Troms

Foto Thierry Kelaart

Unterwegs

„Denk an die Bremse!“ Unter dem ohrenbetäubenden Gebell sind die Zurufe der Huskyfarmerin kaum zu hören. Ich löse den Panikhaken und die Hunde sprinten, was das Zeug hält. Nach langem Geziehe und Gezerre verlässt mein Team als fünftes die Huskyfarm. Die Tiere sprudeln vor Energie und wollen nur eines: laufen, laufen, laufen! Ich spüre den eisigen Wind im Gesicht und mir wird schlagartig klar, dass die Kälte während der nächsten fünf Tage mein ständiger Begleiter sein wird. Und noch etwas: Jetzt gibt es kein Zurück mehr …

Die folgenden fünf Tage verbringe ich gemeinsam mit sechs anderen Menschen und fast 50 Hunden abseits der Zivilisation in der unendlichen Weite der verschneiten Tundralandschaft der Troms. Mit unseren Huskyschlitten überqueren wir Seen und schlängeln uns durch die engen Pfade der Birkenwälder. Wir sind mitten in einem Wintermärchen der ganz besonderen Art. Stille. Einsamkeit. Unberührte Natur.

Sofern der Himmel klar ist, sehen wir am Horizont die Sonne aufblitzen und die Berggipfel leicht glühen. Wir sind Ende Januar am Rande der „mørke tid“, wie die dunkle Zeit im Norden Norwegens auch genannt wird, unterwegs. Ab jetzt steigt die Sonne jeden Tag ein Stück höher, bis sie im Sommer schließlich auch die Nacht erhellt. Noch aber hat die Dunkelheit die Oberhand.

Wir erreichen unser erstes Nachtquartier. Ein Lavvu – das Zelt der Ureinwohner Skandinaviens, den Sámi. Ich merke, wie ich am ganzen Körper zittere. „Bewegt euch, wenn ihr merkt, dass die Kälte durchkommt“, hat Tourenführer Björn Klauer uns noch vor der Abfahrt eingebläut. Aber die atemberaubende Naturkulisse hat mich so in den Bann gezogen, dass ich wohl vor Ehrfurcht erstarrt bin. Zum Glück wird mir schnell wieder warm, als ich mein schweres Drahtseil an zwei weit auseinanderliegenden Bäumen befestigen muss. Daran werden im Anschluss die Hunde angekettet, die sich erschöpft zusammenrollen und sich über eine ausgiebige Kuscheleinheit freuen. Um uns herum glitzern und blitzen die klaren Kristalle der mit Raureif überzogenen Bäume. Es ist so still und friedlich.

Nachdem alle Tiere versorgt sind, schleppen wir unser Gepäck ins Quartier. Jeder hat zwei Schlafsäcke, eine Isomatte und ein paar persönliche Sachen dabei. Außerdem haben wir Feuerholz, unsere Lebensmittel und Kochutensilien, Verpflegung für die Hunde und ein paar weitere überlebenswichtige Dinge auf die sieben Schlitten verteilt.

Björn gibt uns ein paar leere Töpfe, die wir bis zum Rand mit Schnee füllen. „Gleich mache ich uns erst einmal ein Süppchen und heißen Kaffee“, sagt er. Trotz der Enge ist es im Lavvu urgemütlich. Der eifrig brodelnde Ofen sorgt für Wärme. Das tut gut!

Ich merke, dass ich mal dringend zur Toilette muss. Die gibt es hier aber nicht, also ab in die Büsche. Aufgrund der arktischen Temperaturen, die im Laufe der Tour auf minus 35 Grad sinken, ist Katzenwäsche angesagt und die reduziert sich auf´ s Zähneputzen. Geht alles. Wir gewöhnen uns schnell daran.

ich

Täglich gegen 18 Uhr werden die Hunde versorgt. Wie auf Knopfdruck beginnen sie ihr durchdringendes Heulkonzert. Schnell muss es jetzt gehen! Björn zerteilt das gefrorene Hundefutter mit einer Axt gekonnt in 50 Portionen. Mit dem Lichtkegel der Stirnleuchten bahnen wir uns den Weg durch die Dunkelheit zu „unseren“ Hunden, die uns bereits sehnsüchtig erwarten.

Auf dem Weg zurück bemerke ich Lichter am stockdunklen Nachthimmel. Polarlichter. Mit ihrem zauberhaften Farbenspiel lassen sie die unberührte Landschaft noch mystischer erscheinen. Wie in einer völlig anderen Welt.

Die erste Nacht schlafe ich erstaunlich gut. Als am nächsten Morgen das Holz im Ofen zu knistern beginnt und der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee unsere Nasen erreicht, werden wir langsam wach. Nach einem ausgiebigen Frühstück ziehen wir schließlich weiter durch die winterliche Tundra der Troms.

Nach kurzer Zeit schon stellt sich bei mir eine unglaubliche innere Ruhe ein, denn hier zählt nicht das Gestern und Morgen, sondern der Moment. Und keine Technik vermag diesen Moment zu stören!

Es erfordert volle Konzentration, die Geschirre korrekt anzulegen und die Huskys zügig und in richtiger Reihenfolge an- und abzuspannen, den Schlitten zu führen und darüber hinaus darauf zu achten, dass vorne bei den Hunden alles in bester Ordnung ist. Es kann schnell mal ein Seil reißen oder die Tiere können sich darin verheddern – dann muss der Schlittenführer schnellstens reagieren!

In dieser unberührten Einsamkeit sind Mensch und Tier ein Team und darauf angewiesen, dass alles funktioniert. Es zählt der Moment. Und den nimmt man an, weil er so oder so nicht zu ändern ist. Die Natur hat ihre eigenen Gesetze.

Als wir am fünften Tag am frühen Nachmittag nach einer spektakulären Abfahrt die Huskyfarm in Innset wieder wohlbehalten erreichen, erfüllt mich das mit einer wohligen Zufriedenheit und auch etwas Stolz, so manches Mal über meinen Schatten gesprungen zu sein, denn sonst hätte ich diese unberührte Natur nie so erleben können. Kerstin Klimenta

 

Reiseinformationen

Björn Klauer und Regina Elpers bieten auf ihrer Huskyfarm im norwegischen Innset unterschiedlich anspruchsvolle Husky-Touren sowie auch Urlaub auf der Huskyfarm an. Sowohl fortgeschrittene Outdoorfans als auch reine Anfänger finden hier das richtige Angebot. Björn Klauers Huskyfarm feiert in diesem Jahr 25-jähriges Bestehen – die langjährige Outdoorerfahrung des gebürtigen Hamburgers kommt den Gästen zugute und lässt die Touren auch bei widrigen Wetterbedingungen zu einem einmaligen Erlebnis werden. Die Anreise ist nicht im Preis inbegriffen, wohl aber der Transfer vom Flughafen Bardufoss. Flüge sind ab ca. 250 Euro (inkl. Rückflug) ab Hamburg zu bekommen. Huskyfarm.de

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