Tjerk Ridder ist Theaterkünstler und Liedermacher. Er lebt in Utrecht. Und die Anfrage seiner Heimatstadt, ob er nicht interessiert sei, ein Bühnenprogramm für die Weltausstellung Expo 2010 in Shanghai zu entwickeln, ist es auch, die ihn zu einem ganz außergewöhnlichen Projekt bringen sollte. „Anhängerkupplung gesucht!“ lautet sein Titel. Gemeinsam mit seiner Dackelhündin Dachs trampte Tjerk Ridder drei Monate lang mit einem Wohnwagen quer durch Europa, von Utrecht bis Istanbul – und zwar ohne Auto! Ganz auf die Hilfe anderer angewiesen, auf Autofahrer mit einer Anhängerkupplung, die ihn ein Stück seines Weges mitziehen, erlebt er einen ganz besonderen Roadtrip. Dem Motto der Reise „Man braucht andere, um voranzukommen“ folgend, inspirierte und ermutigte der niederländische Künstler umgekehrt auch seine Helfer: Er lud sie in seinen Wohnwagen ein, fragte sie nach ihren Träumen und schrieb gemeinsam mit den Helfern einen Plan mit den Schritten zu ihrer Verwirklichung auf einen Zettel, den er in einer Konservendose verschloss. Die Gäste legten das Haltbarkeitsdatum selbst fest und nahmen die Dose als sichtbares Zeichen der Erinnerung an ihren Traum und seine Verwirklichung mit.

Eine außergewöhnliche Idee zu entwickeln ist die eine Sache, sie in die Tat umzusetzen, erfordert manchmal großen Mut und Idealismus. „Ich fand es spannend, auf diese Art herauszufinden, was die Menschen bewegt“, erzählt mir der Theaterkünstler, der auf der außergewöhnlichen Tour eines ganz sicher festgestellt hat: „Man braucht andere, um voranzukommen.“

 

Was treibt die Menschen an?

„Drei Monate lang habe ich das Projekt vorbereitet. Der Plan war, aus den Reiseerfahrungen ein Bühnenprogramm zu entwickeln. Die Reise war gut geplant“, so Tjerk Ridder. „Geld hatte ich dabei – es ging mir also nicht ums Überleben sondern um das Erleben. Ich wollte herausfinden, ob es überhaupt möglich ist, mit einem Wohnwagen im Gepäck durch Europa zu trampen. Denn das Gepäckstück ist doch recht sperrig und außergewöhnlich“, schmunzelt der Künstler. Ihm war nicht bewusst, dass „der Holländer und sein Wohnmobil“ in Deutschland ein echter Klassiker ist. „Aber das habe ich dann doch schnell herausgefunden“, lacht er.Tjerk

Die Etappenziele der 3.700 km langen Reise quer über den europäischen Kontinent standen bereits im Vorfeld fest. Ankerpunkte waren die drei Kulturhauptstädte Europas des Jahres 2010: Essen (für das Ruhrgebiet) in Deutschland, Pécs in Ungarn und schließlich Istanbul in der Türkei.

 

Von Utrecht zum Bosperus

Wie lange es dauern würde, von Utrecht aus mit einem Wohnwagen bis an den Bosporus zu reisen, hat der niederländische Theaterkünstler natürlich nicht gewusst. Im Winter war Ridder zunächst zwei Monate lang nur zeitweise in Begleitung unterwegs. Für zwei Wochen stieß ein Freund, der in Berlin lebende Journalist Peter Bijl, zunächst während der Tour durch das Ruhrgebiet bis nach Köln dazu, später noch einmal auf der Strecke von Haidt-Süd bis nach Wien. Die übrige Zeit der zwei Monate meisterte Ridder die Tour allein, bevor er dann in Pécs die Reise für einen Auftritt auf der Weltausstellung Expo 2010 in Shanghai unterbrechen musste. „Während der Winterreise bin ich das eine oder andere Mal an meine Grenzen gestoßen“, sagt Ridder, „besser war es, zu zweit unterwegs zu sein.“ Während der zweiten Etappe von Pécs nach Istanbul war dann Peter Bijl dauerhaft mit an Bord. „Das hat vieles leichter gemacht“, stellt Tjerk Ridder im Nachhinein fest. Insgesamt war der Künstler für „einmal Utrecht und zurück“ 13 Wochen unterwegs.

 

Außergewöhnliche Erfahrung

Und das Tramp-Abenteuer entwickelte sich zu einer wirklich außergewöhnlichen Erfahrung. „Es ist so unglaublich, dass es klappt, immer wieder Menschen zu finden, die sagen: „Ich helfe dir! Hier ist mein Auto mit Anhängerkupplung, meine Dusche, mein gedeckter Tisch – du bist eingeladen“, erzählt Ridder und resümiert, dass es überall auf der Strecke gastfreundliche und hilfsbereite Menschen gab, die in ihrem Leben spontan Platz für etwas Unvorhergesehenes und etwas Neues machten. „Das ist etwas ganz Besonderes.“ Tjerk Ridder lächelt, als er das sagt. „Ich habe gemerkt, dass die vielen Menschen, die mich meinem Ziel Stück für Stück näher gebracht haben, mich mit all ihren Geschichten und Träumen doch sehr berühren. Jeder von uns lebt sein eigenes Leben, macht sein eigenes Ding, aber irgendwie hat mir die Tour die Augen dafür geöffnet, wie viel die Menschen doch miteinander verbindet. Und: In irgendeiner Form sind wir immer von anderen abhängig.“

Immer wieder traf Tjerk Ridder bei seinen Helfern auf dieselben Träume: ob die Suche nach einem besseren Job, eine lang geplante Reise, das Erlernen einer Sprache oder der Wunsch, mehr Zeit mit den Menschen zu verbringen, die einem wichtig sind. Die Helfer, die sich dem Liedermacher gegenüber auf der Reise öffneten, unterschieden sich zwar in ihrer Nationalität, ihrem Alter oder ihrem Geschlecht, was sie jedoch gemeinsam hatten, war ihre Denkweise und ihre Offenheit, dem Unvorhergesehenen spontan Raum zu geben und sich auf die Begegnung mit dem Unbekannten einzulassen.

 

Nicht immer nur Sonnenschein

Doch nicht immer war es leicht, schnell eine nächste Anhängerkupplung zu finden. Im Januar 2010 stand Tjerk Ridder ganze dreieinhalb Tage auf dem Rasthof Haidt-Süd an der A 3 bei Würzburg. Es war bitterkalt. Das Thermometer knackte die Minusmarke im zweistelligen Bereich. Und die Gasflasche, die den Wohnwagen erwärmen sollte, war leer. „Das war echt richtig hart“, erinnert sich der Utrechter, „in diesen Tagen habe ich mich manches Mal gefragt, warum ich das Ganze überhaupt mache …“

Aber auch Ablehnung gehörte nun mal dazu. „Im Nachhinein war es wichtig für mich, Einsamkeit und Ablehnung hautnah zu spüren und an ihnen zu wachsen, indem ich mich immer wieder selbst aufgebaut habe“, sagt Ridder. Ablehnung erfährt man ja nicht nur beim Trampen mit einem Wohnwagen sondern überhaupt im Leben. Und auch Rückschläge hat man immer wieder mal zu verkraften und dann ist es wichtig, zu improvisieren, sich selbst zu motivieren und zu sagen: „Das ist jetzt so. Zwar nicht schön, aber es wird nicht von Dauer sein.“

An der Raststätte Haidt-Süd erschienen dem Niederländer die dreieinhalb Tage jedoch wie eine Ewigkeit, aber er sagte sich immer wieder, dass es wichtig ist durchzuhalten und dass er es schaffen wird. Heute hat er eine ganz besondere Beziehung zu diesem Rasthof. „Wenn ich da jetzt vorbeikomme, halte ich immer und trinke eine Tasse Kaffee“, lächelt er, „es ist letztlich ein tolles Gefühl, über seine eigenen Grenzen gegangen zu sein.“

Die Erfahrungen seiner außergewöhnlichen Reise quer durch den europäischen Kontinent hat Tjerk Ridder in dem zusammen mit Peter Bijl verfassten Buch „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen“ aufbereitet. Die nachdenklich-unterhaltsamen Reiseaufzeichnungen in dem attraktiv gestalteten und mit zahlreichen Fotos versehenen Buch werden durch eine DVD mit Songs und Videos ergänzt.

Darüber hinaus hat Tjerk Ridder aus dem Tramp-Abenteuer ein multimediales Bühnenprogramm entwickelt, das Lieder, Geschichten und Filmsequenzen verknüpft. Mit diesem einzigartigen theatralen Roadmovie führt er die Zuschauer auf eine Reise durch universelle Themen wie Heimat, Träume, Tatkraft, Einsamkeit, Gastfreundschaft, Vorurteile und Vertrauen. „Ich freue mich sehr darüber, dass das Bühnenprogramm beim Publikum so gut ankommt und ich damit viele Menschen inspirieren kann!“, sagt Tjerk Ridder.

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