Etwas Loszulassen – egal ob Dinge, Menschen, Angewohnheiten, Ansichten, Gedanken und Gefühle – fällt oft nicht so leicht. Manchmal geschieht es ganz natürlich und ganz von alleine, aber oft ist das Loslassen mit Leid verbunden, da wir einfach zu sehr an allem festhalten.

loslassen

In meiner momentanen Heimatstadt Münster mussten viele Menschen vieles loslassen, ob sie es wollten oder nicht. Am 28. Juli ist die Stadt von einem Starkregen heimgesucht worden, der seinesgleichen sucht. Noch nie zuvor, so heißt es in den Medien, sei in Münster jemals soviel Regen runtergeprasselt wie an jenem denkwürdigen Tag. An einigen Standorten hat dieser Regen es sogar in die Top Ten der stärksten Regenfälle aller Zeiten gebracht – ein trauriger Rekord.

Der Regen hat dafür gesorgt, das der Wasserpegel in kürzester Zeit so rasant gestiegen ist, so dass große Teile der Stadt zentimeterhoch unter Wasser standen. Natürlich hat sich das Wasser dann seinen Weg gesucht und sinnflutartig auch sämtliche Keller und Wohnungen in Beschlag genommen.

Unsere Straße und unseren Stadtteil hat es ebenfalls richtig schlimm erwischt.

Zunächst schien alles friedlich. Mein Sohn und ich haben aus Spaß noch einen wilden „Regentanz“ auf der Straße „aufgeführt“. Ben – unser Hund – war sehr aufgeregt und fürchterlich am Bellen. Ob er bereits was ahnte? Es dauerte jedenfalls nur wenige Sekunden, und wir waren völlig durchnässt. Auf der Straße sammelte sich bereits das Wasser.

Vorsichtshalber schaute ich doch mal nach dem Rechten und bemerkte, dass wir oben zwei Fenster aufgelassen hatten. Die beiden Zimmer standen schon halb unter Wasser standen. Auch im oberen Bad tropfte es von der Decke und es hatten sich bereits mehrere Wasserlachen gebildet …


Nachdem ich mit dem Trocknen halbwegs fertig war, habe ich doch ein zweites Mal einen Blick in den Keller geworfen, aber da war es schon zu spät. Ich sah, dass die Fenster dem Druck des Wassers, welches sich davor angesammelt hatte, nicht mehr lange standhalten würden. Mein Sohn und ich konnten nur hilflos mit ansehen, wie das Wasser eindrang und binnen von Sekunden den großen Keller überflutete. Und es stieg und stieg. Ehe wir uns versahen, war das Wasser auch schon im Vorkeller, wo wir unsere Sachen gelagert haben. Also: ca. 50 Kisten mit nagelneuen Büchern, Spiele, Kleidung, Spielzeug, Dokumente, sämtliche Erinnerungen – eben alles, was man nicht permanent in Gebrauch hat.

Ich startete einen hilflosen Versuch, ein paar Sachen umzudeponieren, als mein Sohn rief, ich solle endlich hochkommen. Wenig Zeit später krachten die ersten Kistenberge in sich zusammen, ein Schrank fiel einfach um.

Ich war unfähig zu denken, rannte immer wieder hektisch von oben nach unten und das Wasser kam bedrohlich näher … Das ganze Szenario dauerte eine gefühlte Ewigkeit und der Regen ließ nicht nach …

Mit Gewalt loslassen

Mit Gewalt loslassen

Gegen 23 Uhr kam mein Mann nach einer endlos dauernden Busfahrt völlig durchnässt nach Hause, aber an diesem Abend konnten wir nichts mehr tun. Die Nummer der Feuerwehr war dauerbesetzt und unsere Pumpe anscheinend komplett überfordert. Völlig erschöpft und geschockt versuchte jeder von uns, ein wenig zu schlafen.

Am nächsten Morgen sahen wir die Katastrophe von Angesicht zu Angesicht: alles verloren. Es war klar, dass von unseren Habseligkeiten kaum etwas würde gerettet werden können.

keller1 keller2Und immer noch stand mir das Wasser dort unten im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Hals.

Jetzt hieß es warten. Einfach nur warten und irgendwie mit der Situation fertig werden. Alles verloren. Hoher Sachschaden. Und während wir am Abend noch auf die Versicherung zählten, wurde uns auch dieser Hoffnungsschimmer – der uns zwar die persönlichen Dinge nicht ersetzt, aber den Sachschaden minimiert hätte – zunichte gemacht. Eine Elementarversicherung war nicht vorhanden. Wäre der Starkregen ein Sturm gewesen – alles prima, aber da einer derartig heftiger Regen unter die Kategorie Naturkatastrophe fällt, hätte man ein Zusatzversicherung haben müssen. Da mit derartigen Katastrophen hier die wenigsten gerechnet haben, stehen viele Menschen hier sogar vor dem Nichts.

Plötzlich kamen sie wie eine Sturmflut: die Gefühle. Die Traurigkeit war heftig und übermannte mich förmlich. Trauer, Wut, Schmerz. WARUM? Ich verstand nicht, warum schon wieder wir … War es denn nicht genug? Reichte es nicht irgendwann? Diese und ähnliche Dinge schwirrten in meinem Kopf rum und machten sich breit. Alle Versuche, an etwas Schönes zu denken, schlugen fehl.

Und dann fiel mir das Buch ein, dass ich am Montagvormittag zugeschickt bekommen und bereits angelesen hatte: Die Sedona-Methode von Hale Dwoskin.

Ich hatte bereits von dieser Methode gehört und fand es spannend, hier mal genauer zu gucken, was sich dahinter verbirgt. Mit dieser Methode soll es angeblich gelingen, emotionalen Ballast loszuwerden und sich auch von negativen Denk- und Verhaltensmustern zu befreien, und das mit einigen wenigen Fragen … Hmm. Ich war dieser Methode sehr skeptisch gegenüber eingestellt, aber in meiner Verzweiflung habe ich mir Ben und die Fragen geschnappt und bin mit meiner Trauer erstmal spazieren gegangen …

Und dabei habe ich mir – auch wenn es anfangs alles andere als leicht war – immer wieder folgende Fragen gestellt:

 

  • Was fühle ich gerade?
  • Könnte ich dieses Gefühl / diese Gefühle annehmen, wenn auch nur für einen Augenblick?
  • Wäre ich bereit, dieses Gefühl loszulassen? oder Würde ich das Gefühl loslassen, wenn ich könnte?
  • Wann würde ich es loslassen?

Laut Beschreibung ist es völlig unwichtig, aber man die Fragen nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet, es geht vielmehr darum, kurz, knapp und spontan zu reagieren und sich nicht weiter in Gedanken zu verstricken.

Diesen Prozess soll man noch mehrere Male wiederholen – am besten so lange, bis man merkt, dass sich das Erleben des Gefühls verändert, weil man es ein Stück oder sogar ganz losgelassen hat.

Da spazierte ich nun am Kanal entlang und stellte mir mit Tränen in den Augen immer wieder dieselben vier Fragen – konsequent darum bemüht, das innere Plappermaul nicht zu Wort kommen zu lassen.

Nach ein paar Durchgängen ging es mir deutlich besser. War das ein Lächeln im Gesicht? Ich fühlte mich schon etwas leichter, bis mein Plappermaul sich wieder zu Wort meldete. NERV! Also schnell wieder die vier Fragen rausgeholt und das Prozedere noch einige durchlaufen. Was soll ich sagen. Dann war es gut.

Das war irgendwann am Mittwoch im Laufe des Tages. Ich hatte akzeptiert, dass die Situation eben so ist, wie sie ist, habe die Trauer und den Schmerz über den Verlust der Dinge losgelassen und mich den Aufräumarbeiten gewidmet. Seitdem ist keine Träne mehr geflossen und ich habe nichts unterdrückt.

Diese Technik habe ich übrigens auch schon in zwei anderen Fällen anwenden können, mit Erfolg. Noch bin ich sehr ungeübt darin, aber ich glaube, dass sie wirklich beim Loslassen von so manchem Ballast eine wertvolle Stütze sein kann … Ich werde hier definitiv noch tiefer eintauchen und an andere Stelle von meinen Erfahrungen berichten.

Ein paar wenige Dinge haben wir retten können, vieles ist auf die Zentraldeponie in Münster umgezogen und einiges steht noch immer an der Straße.

Bis der ganze Sperrmüll abgeräumt ist, wird es noch Wochen dauern. An diesem einen denkwürdigen Tag fiel mehr Müll an als sonst in drei ganzen Jahren. Viele Menschen stehen vor dem Nichts und müssen sich ein neues Zuhause suchen. Diese Katastrophe forderte das Leben von zwei Menschen. Das ist die traurige Bilanz des Starkregens.

 

licht

Beim Aufräumen fiel mir dieses Holzbild in die Hände: „Immer wenn du meinst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“.

Das wünsche ich allen Menschen, die sich gerade in einer schwierigen Situation befinden! Mir ist klar geworden, dass es sich mit weniger Ballast manchmal besser lebt. Ich bin froh und dankbar, dass ich vor der Katastrophe schon vieles verschenken und Menschen eine Freude machen konnte! Und auch das wenige, was ich jetzt noch abzugeben habe, wird abgegeben! Weniger Haben ist mehr Sein – ein Spruch, an dem viel dran ist!

Im leeren Keller habe ich übrigens mein Yogastudio entdeckt – vorher wäre mir dieses „Schätzchen“ vermutlich nicht aufgefallen, da die Sicht versperrt war …

 

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